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21.06.2012
Es ist schon erstaunlich. Da denkt man erst, wir wären schon viel weiter in Sachen Transsexualität und öffentliches Bewusstsein, doch seltsamerweise dreht sich dann doch so manches im Kreis. Spannend ist, wie das zur Zeit so läuft. Im öffentlichen Bewusstsein gibt es immer wieder diese Geschichten von Transsexualität und es erscheinen 'ne Menge Artikel zum Thema. oder sagen wir mal so... der Begriff "Transsexualität" dient immer häufiger als Aufhänger für Geschichten, in denen es dann doch nicht um Transsexualität geht. Das erfährt man dann, wenn man solche Geschichten liest. Da heisst es dann, dass es eigentlich um "Transidentität" ginge, oder sogar um "Transgender". Und schwupps geht es plötzlich auch nicht mehr darum, dass eine transsexuelle Frau beispielsweise eine Frau ist, sondern eigentlich ein biologischer Mann, der sich irgendwie als "Frau fühlt" und das dann als vom Geburtsgeschlecht abweichende Geschlechtsidentität verstanden und verkauft wird. Wenn das dann mit Geschlechtsrollen (oder besser deren Klischees) garniert wird, heisst das dann "Transgender", also das Auftreten in einer vom Geburtsgeschlecht abweichenden Geschlechtsrolle.

Das traurige daran ist, dass es im Kern also gar nicht mehr um Transsexualität geht, auch nicht darum transsexuelle Menschen als existent anzuerkennen, sondern so zu tun, als wäre das "biologisch" genannte Geschlecht eine 1-zu-1-Kopie eines Zweigeschlechterweltbildes, und Menschen, die dann feststellen, dass die geschlechtlich anders sind, dann als "abweichend" zu einer behaupteten "Biologie" genannt werden (und man diese Abweichung dann als Verfehlungsweise bezeichnet). Aus einer tatsächlich existierenden Vielfalt wird dann per Definition eine subjektive Befindlichkeit. Und für subjektive Verbindlichkeiten braucht eine Gesellschaft, so wohl der Plan, keine Verantwortung mehr. Zweigeschlechtermodell gerettet - die die abweichen, obwohl sie einfach nur sie selbst sind, sind dann Menschen, die nicht zur als "biologisch" behaupteten Realität gehören sollen.

Interessant, dass wir das alles hatten, als ich 2006 mit diesem Blog begonnen hatte. Das Karussell ist also einmal im Kreis herum, und wir sind wieder da, wo wir begonnen hatten. Die Anerkennung geschlechtlicher Vielfalt scheint also eine sehr schwere Angelegenheit zu sein.

Was abweicht von der behaupteten "Biologie" muss dann natürlich auch erfasst und kontrolliert werden. Dazu gibt es seit jeher die sogenannte "Sexualwissenschaft". Ging es den Sexologen seit der Nazizeit (die dann ja u.a. auch die bundesdeutsche Sexualwissenschaft mitbegründet hat wir Hans Giese oder Bürger-Prinz, beides NS-Angehörige) immer auch um Homosexualität oder Intersexualität, so ist eben auch Transsexualität eines der Gebiete, die nicht einfach so existieren darf, sondern man dafür erst eine Beurteilung durch selbsternannte Experten benötigt. Es könnte ja die Welt untergehen, wenn man Menschen einfach nur so lässt, wie sie sind.
Und so haben wir heute homosexuelle Menschen, die solange schwul oder lesbisch sein dürfen, solange sie im Alltag damit nicht auffallen und schön in ihren Schwulenbars bleiben. Wir haben intersexuelle Menschen, die in den letzten Jahren dafür gekämpft haben, dass auch sie denn "rosa Winkel" tragen dürfen - von wegen Kampf um Anerkennung des sogenannten "3. Geschlechts", was bei näherer Betrachtung die nächste Ausgrenzung (hier sogar selbstgewählt) bedeutet und somit automatisch immer medizinische Kontrolle mit sich bringt... denn wo ein 3. Geschlecht als Mitte zwischen zweien Verstanden wird, kann man bestimmten Menschen nach bestimmten Kriterien eben ein medizinisches Label auf die Stirn pappen - und wir haben Menschen, die unter dem Thema "Transsexualität" eine Identitätsproblematik verstehen und so tun, als wäre ein transsexueller Mensch "biologisch eindeutig" das "eine" Geschlecht, fühlten sich aber wie das "andere".

Nein, machen wir uns nichts vor. Das Hamsterrad ist noch lange nicht verlassen. Es ist die mangelnde Konsequenz, die dazu führt, dass wir uns immer noch in ihm befinden. Man kann nicht gleichzeitig homosexuell sein, aber hetereosexuelle Werte vertreten. Man kann nicht intersexuell sein, und gleichzeitig medizinische Definitionen von Intersexualität akzeptieren, die wieder nur Kontrolle und Machtmissbrauch bedeuten. Man kann auch nicht transsexuell sein, und gleichzeitig so tun, als wäre man es nicht.

Edit/Nachtrag:

Auf meinen Text hin bekam ich die Frage, was Giese und Bürger-Prinz den getan haben, ausser Bürger eines nationalsozialistischen Staates gewesen zu sein. Daher möchte ich ein paar Buchzitate und Infos nachliefern.

In "Halali 1" von Moritz Priol (Orpheus, 2009, Seite 48ff) steht:

"Hans Bürger-Prinz aus Weinheim war 35 Jahre alt und Oberarzt der Universitätsklinik Leipzig, als Adolf Hitler in Berlin die Regierungsmacht übernahm."

Er wurde 1933 Mitglied nicht nur des NS-Ärztebundes, des NS-Dozentenbundes und des NS-Lehrerbundes, sondern u.a. auch der NSDAP und der SA. 1937 dann folgte die Ernennung zum Ordinarius und Leiter des Hamburger Universitälskrankenhauses Eppendorf, "wo er mit Insulin und Cardiazol schon 1937 sogenannte Schockbehandlungen einführte. Die Sterberale seiner Patienten war 'extrem hoch') und erreichte 1941 ihren Rekord.", schreibt Priol in seinem Buch.

Weiter heisst es: "Als ehrenamtlicher Richter am Erbgesundheitsgericht war Bürger-Prinz jetzt auch 'an Euthanasie-Projekten insofern beteiligt, als er Patienten kategorisierte und wissen mußte, was mit denen geschah, die er als hoffnungslose Fälle eingestuft und verlegt hatte. [... ] Viele Patienten gingen in Vernichtungslager'"

Sybille Steinbacher führt in "Wie der Sex nach Deutschland kam" (Siedler Verlag, 2011, Seite 243ff) aus:

"Der Psychiater Hans Bürger-Prinz hatte 1936 die Leitung der Psychiatrischen Klinik und Nervenklinik der Universität Hamburg übernommen und war dort Mitglied eines Erbgesundheitsgenchts gewesen, das Urteile in sogenannten Euthanasiefällen sprach." und "Giese, der sich gern von Bürger-Prinz unter die Fittiche nehmen ließ, war dessen Auffassung sehr vertraut. Aus dem Dritten Reich ging auch er ohne Blessuren hervor. Giese war als Amtsleiter für politische Kameradschaftserziehung an der Universität Frankfurt und in derselben Funktion in der örtlichen Gaustudentenführung tätig gewesen [...]"

Zu der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung, die Giese nach dem Krieg gründete, schreibt sie:

"Gieses Institut firmierte unter dem Dach der, ebenfalls von ihm initiierten, Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung; zum Vorsitzenden wählte die Erste Sexualwissenschaftliche Arbeitstagung Hans Bürger-Prinz. Giese zögerte nicht, dessen Homosexualitätsvorstellungen zu übernehmen, die dieser einst dem NS-Staat als wissenschaftliches Konzept über das Wesen und die »Staatsgefährhchkeit« von Homosexuellen geliefert hatte. Viele Begriffe und Bewertungen von Bürger-Prinz bildeten die Grundlage von Gieses eigenen Überlegungen  und fanden sich (nicht selten ohne Nachweis) in seinen Studien wieder [...] Die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung beteiligte sich am institutionalisierten Sittlichkeitskampf".

Im Buch "Homosexuelle Männer in Berlin nach 1945" von Andreas Pretzel (LIT Verlag Münster, 2002, Seite 293-294) heisst es:

"Auch Hans Giese war dieser Auffassung. Allerdings lehnte der Frankfurter Psychiater die These vom Angeborensein der Homosexualität ab, wie sie Becker oder Klimmer in Anlehnung an Hirschfeld propagierten. Bereits in der NS-Zeit war es zur Auseinandersetzung über diese Frage gekommen. Zunehmende Deutungshoheit und Anerkennung hatten die Auffassungen von Psychiatern, u. a. des Hamburger Professors Hans Bürger-Prinz erlangt, die eine genetische Veranlagung zurückwiesen und statt dessen soziale Einflüsse und pathologisch erscheinende individuelle Verfehlungsweisen favorisierten. Dieser Auffassung hatte sich auch der Medizinstudent Hans Giese während der NS-Zeit zugewandt."


Die Widernatürlichkeitsargumentation in Sachen geschlechtliche Abweichungen hält sich bis heute.
 
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