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08.12.2012
Nachdem die Fremdbestimmung transsexueller Menschen und die Selbstverleugnungstendenzen gerade wieder zunehmen, wollte ich mal wieder einen Text schreiben. Er handelt von Emanzipation. Dem ein oder anderen wird auffallen, dass ich hier ausnahmsweise das deutsche "ß" verwende, da der Text für eine Zeitung geacht war. Ob er erscheinen wird, ist nicht klar, daher gibt es ihn erstmal hier zu lesen. Bitte sehr:

Es ist nicht einfach in einem Land zu leben, in dem Logik weniger zu zählen scheint, als Ideologien. Stereotype Geschlechtsvorstellungen und die Verleugnung geschlechtlicher Normabweichungen haben zur Zeit Hochkonjunktur. Und so begegnet ein Land, in welchem Menschen, die aus dem geschlechtlichen Rahmen fallen und wissen, dass die Vorstellungen, die über sie existieren falsch sind, diesen Menschen mit den alten Unwahrheiten und Vorurteilen. Doch transsexuelle Menschen gibt es. Geschlechtsumwandlungen nicht.

Als Magnus Hirschfeld, ein jüdischer Sexualwissenschaftler in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts geschlechtliche Normabweichungen beobachtete, nannte er diese Abweichungen "sexuelle Zwischenstufen". Er beobachtete, dass jeder Mensch biologisch nicht dem Stereotyp Mann oder Frau entspricht und untersuchte Frauen mit männlicher Körperbehaarung, Männer mit kleinen Penissen, Menschen bei denen auf Grund des Körpers eine Zuordnung schwer fällt und solche bei denen diese Zuordnung auf Grund der reduzierten Betrachtung des Äußeren eine Fehlzuweisung hervorbringen muss. Hirschfelds Wissen wurden in den 30er-Jahren von den Nationalsozialisten vernichtet und fortan galt, dass es nur eindeutige Frauen und Männer geben darf. Homosexualität wurde als widernatürliche Verhaltensweise definiert, die man mit Zucht und Ordnung austreiben könne. Mit körperlich uneindeutige Menschen, den Intersexuellen, wurden in der Zeit des Nationalsozialismus grausame Vereindeutigungsversuche in Form genitaler Operationen unternommen und transsexuelle Menschen, die sagten, beispielsweise eine Frau zu sein, aber einen als männlich zu deutenden Körper besaßen wurden für verrückt erklärt oder landeten wie die anderen in den Konzentrationslagern.

Wer denkt, dass mit Ende der Regierungszeit der Nationalsozialisten auch die Verfolgung geschlechtlich von der Norm abweichender Menschen ein Ende gefunden hätte, irrt. Im Nachkriegsdeutschland wurde das, was in den 30er- und 40er-Jahren ihren Anfang nahm, die Kontrolle und Fremdbestimmung geschlechtlicher Minderheiten durch Medizin und Gesetze, konsequent fortgeführt. Die NS-Sexualforscher Hans Giese und Hans Bürger-Prinz sind die Gründungsväter der sexualwissenschaftlichen Institute in Frankfurt und Hamburg, und auch die immer noch existierende Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung, die heute noch als Expertengremium in Sachen Geschlecht angesehen wird, geht auf das Engagement dieser ehemaligen NS-Mediziner zurück.

Nun könnte man die berechtigte Frage stellen, ob in den 60er-Jahren, einer Zeit des gesellschaftlich propagierten Wandels, nicht auch ebenso ein Wandel in der Frage der Behandlung geschlechtlicher Normvarianten stattgefunden hat. Ehemalige Giese-Schüler wie Volkmar Sigusch und Kollegen wie der ehemals in Hamburg stationierte Friedemann Pfäfflin, welche in der Zeit der 70er-Jahre unter anderem als Shooting-Stars der Transenbehandler-Szene galten, gaben zwar immer wieder vor, sich von ihrer Vorgänger-Generation zu distanzieren, doch obwohl man annehmen könnte, dass sie es nun sein müßten, die den Bruch mit der nationalsozialistischen Widernatürlichkeitstheorie geschlechtlicher Normabweichungen, nun am deutlichsten und lautesten vertreten, sieht die Praxis bis heute anders aus. Transsexuelle Menschen beispielsweise, werden von diesen Herren bis heute beispielsweise als Männer bezeichnet, die sich wie Frauen fühlten, anstatt das Selbstwissen transsexueller Frauen als Teil der geschlechtlichen Wahrheit anzuerkennen.

Erst vor ein paar Tagen veröffentlichte die APA, die amerikanische Vereinigung der Psychiater eine Neufassung des DSM, des Manuals der psychischen Störungen, das auch in Deutschland häufig zum Einsatz kommt, wenn man transsexuelle Menschen begutachtet. Verstand Hirschfeld, der diesen Begriff zum ersten mal 1923 erwähnte, unter "Transsexualität" noch Entgegengeschlechtlichkeit, also eine in der Natur vorkommende geschlechtliche Variation, die dem Bereich der sexuellen Zwischenstufen zuzurechnen sei, spricht man nun in der Neufassung des DSM, der ab Mai 2013 gelten soll, von "Gender Dysphorie", der Unstimmigkeit zwischen angeblichem Geburtsgeschlecht und sogenannter "Gender Identity". Zu der Gruppe der "Experten", die dem Zirkel derer angehören, welche über die Neufassung des DSM debattierten, gehörte auch der oben bereits erwähnte Friedemann Pfäfflin, der sich als Transsexuellengutachter, wie andere aus seinem Fach, heute noch von Betroffenen dafür bezahlen lässt, wenn er diesen ihre - bislang "Geschlechtsidentitätsstörung" genannte - "Dysphorie" bestätigt, damit diese ihre Papiere ändern lassen können. Dass transsexuelle Menschen sich damit gleichzeitig ihr Wissen über ihr eigentliches Geschlecht als widernatürlich bestätigen lassen müssen, da hier Transsexualität als "Wunsch" und nicht als Entgegengeschlechtlichkeit verstanden wird, und der Gesetzgeber bis heute im sogenannten "Transsexuellengesetz" psychiatrische Begutachtungen fordert, nur als Information am Rande.

Sophinette Becker, selbst Sexologin und Verwalterin des Nachlasses von Volkmar Sigusch, dessen Frankfurter Institut für Sexualwissenschaft bis 2006 an der Goethe-Universität Frankfurt am Main existierte, führt in einem Artikel aus dem Jahr 2012 aus, dass es heute vielfältige Lösungswege gebe für Menschen mit Geschlechtsidentitätsstörungen, die ja nun in Zukunft Menschen mit "Gender Dysphorie" genannt werden sollen, wobei der Begriff "Gender Dysphorie" selbst bereits in den 70er in der Fachliteratur verwendet wurde, um "Geschlechtsidentitätsstörungen" zu beschreiben. Menschen mit "Geschlechtsdysphorie", so Hertha Richter-Appelt, eine Sexologin vom UKE Hamburg-Eppendorf, die immer mal wieder Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung war, in einer noch recht frischen Veröffentlichung der Bundeszentrale für politische Bildung, sei eine "Irritation des subjektiven Geschlechtserlebens".

Von Anerkennung geschlechtlicher Normvarianten, die in der Natur vorkommen, und bereits von Hirschfeld erforscht und festgehalten wurden, ist von den Damen und Herren Sexualwissenschaftlern bis heute wenig zu hören. Eine Geschlechtervorstellung, in der Homosexualität als Lifestyle und Entwicklung einer "psychosexuellen Entwicklung" in der Kindheit, Intersexualität als Störung der Geschlechtsentwicklung (DSD, disorders of sex differentiation) und Transsexualität als nicht existent, sondern lediglich als "Geschlechtsumwandlung" von Menschen mit "Gender Dysphorie", angesehen wird, ist wenig anders als die Vorstellung derer, die Magnus Hirschfelds Forschung schon damals in den 20er-Jahren nur als Theorie ansahen und geschlechtliche Normvarianten aus dem öffentlichen Bewußtsein tilgen wollten.

Da die kritischen Stimmen im öffentlichen Bewußtsein bis heute fehlen oder wenig gehört wurden, und zudem eine Aufarbeitung der Medizinverbrechen, die aus geschlechtlicher Fremdbestimmung bis heute hervorgehen, in Deutschland nur halbherzig betrieben wird, ist kaum verwunderlich, dass in der öffentlichen Wahrnehmung transsexuelle Menschen immer noch als "geschlechtsumgewandelt" verstanden werden und selbst angesehene Zeitungen und Medienhäuser weiterhin unreflektiert behaupten können, eine transsexuelle Frau wäre mal als Junge geboren worden. Dass sich in den meisten Medienbeiträgen Männer auch ganz selbstverständlich "fühlen können wie Frauen", obwohl kein Mensch auf dieser Welt in der Lage ist, dieses Gefühl tatsächlich zu beschreiben, weil man nur wie sich selbst fühlen kann und dies genauso wenig hinterfragt wird, wie der Begriff "Geschlechtsumwandlung", der ja bedeuten müßte, dass die Veränderung eines Stücks Fleisch bereits eine Veränderung des Geschlechtes wäre, zeigt, dass da etwas vorhanden sein muß, was Freud Verdrängung nennen würde. Wenn eine komplette Gesellschaft sich darauf geeinigt hat, diese Verdrängung gemeinsam zu betreiben, ist Kritik unerläßlich.

Diese Kritik ist sogar selbst oder gerade dann um so notwendiger wenn auch transsexuelle Menschen, die Klischees, die über sie existieren, annehmen und sich selbst als "umgewandelt", als "ehemalige Männer" oder "ehemalige Frauen" bezeichnen. Wenn geschlechtliche Vorstellungen über Geschlecht sich nicht mehr an biologischen Realitäten orientieren und wissenschaftliche Erkenntnisse über geschlechtliche Normvarianten keine Rolle mehr spielen sollen und sich daraus ergibt, dass Stereotype wichtiger werden, als die Realität, gerade dann ist der Zeitpunkt für Emanzipation genau der richtige. Wenn Emanzipation bedeutet, sich frei zu machen von Klischees und Fremdbestimmung, dann sind diejenigen, die sich emanzipieren, immer gegen den vorherrschenden Zeitgeist selbst-bewußt und niemals mit ihm. Der Einsatz der Frauenbewegung war deswegen nicht etwa falsch, obwohl es genügend Frauen gegeben hatte, die sich frewillig mit der Rolle als Hausfrau am Herd abgefunden hatten, sondern genau deswegen richtig. Und genauso richtig ist es heute, dass es auch in Reihen der für nicht-existent erklärten transsexuelle Menschen welche gibt, die sagen, dass sie existieren, obwohl sie von der deutschen Sexologie bis heute als nicht-existent erklärt werden oder man sie als "gender dysphorisch" umdeutet um sie damit unsichtbar zu machen.

Transsexuelle Menschen sind weder „geschlechtsumgewandelt“, transsexuelle Frauen waren keine Männer und transsexuelle Männer keine Frauen. Man kommt nicht mit einem Vornamen zur Welt, sondern er wird einem gegeben, und der Beginn eines transsexuellen Coming Outs ist keine „Irritation des Geschlechtserlebens“ sondern die Bewußtwerdung des eigenen Geschlechts. Wer damit ein Problem hat, ist der, der ein Problem hat und nicht umgekehrt. Es wird Zeit, sich mit diesem Problem zu beschäftigen.
 
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